⚙️ Konstruktionslehre 2 – Lernapp

IPeG · Leibniz Universität Hannover · Kapitel 1–9 + Saalübungen

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Kapitelübersicht

Kap. 1 – Einführung & Anforderungen

Vorgehensmodell (VDI 2221)

Ein Produkt entsteht in vielen kleinen Schritten. Der Produktentstehungsprozess (PEP) beschreibt die Abfolge dieser Schritte. Methodisches Vorgehen ist wichtig, weil es:

  • problemorientiert & branchenunabhängig ist
  • erfindungs- und erkenntnisfördernd wirkt
  • Lösungen übertragbar macht (nicht zufallsbedingt)
  • Planung, Steuerung & Teamarbeit erleichtert

Lastenheft vs. Pflichtenheft

LastenheftPflichtenheft
Standpunkt des Kunden (Auftraggeber)Antwort des Auftragnehmers
Was wird erwartet?Wie wird es umgesetzt? (Ausschlussprinzip)
Grundlage des Projekts+ Angebot = vertragliche Grundlage

Anforderungsarten

  • F Forderung/Festforderung: muss zwingend erfüllt werden (Gesetze, Sicherheit, Mindest-/Maximalwerte).
  • Z Zielforderung: möglichst erreichen (Näherungs-, Mindest-, Höchstwert). Zielerfüllungsgrad = Bewertungskriterium.
  • W Wunsch: kann erfüllt werden → Wettbewerbsvorteil, aber kein Aufpreis.

Explizit = im Lastenheft genannt. Implizit = unbewusst, muss methodisch ermittelt werden (Produktfragelisten, Hauptmerkmalsliste).

Qualitativ hochwertige Anforderungen

1. Korrekt · 2. Eindeutig · 3. Umsetzbar. → immer quantifizieren (z. B. „η ≥ 96 %“ statt „hohe Effizienz“).

Kano-Modell

  • Grundanforderung: selbstverständlich, unbewusst; Nichterfüllung → starke Unzufriedenheit.
  • Leistungsanforderung: explizit gewünscht; wirkt proportional auf Zufriedenheit.
  • Begeisterung/Attraktivität („nice to have“): unerwartet; erhöht Zufriedenheit stark → Differenzierungsmerkmal.

Notation (Anforderungsliste)

ArtBedeutung
F 17 mmexakt zu erreichen
Z … <max. Wert, je kleiner desto besser
Z … ≤max. Wert, je näher desto besser
Z … > / ≥mind. Wert, je größer / je näher desto besser

Kap. 2 – Funktionsstrukturen

System & Hauptflüsse

Ein System interagiert über Systemgrenzen mit der Umwelt. Drei Hauptflussarten bestimmen die Klassifikation:

HauptflussSystemBeispiel
Stoff/MaterieApparatKaffeemaschine
EnergieMaschinePKW-Motor
SignalGerätTelefonapparat

Funktion

„Allgemeiner und gewollter Zusammenhang zwischen Eingang und Ausgang eines Systems mit dem Ziel, eine Aufgabe zu erfüllen.“ (Pahl/Beitz)

Gesamtfunktion formulieren

  • Lösungsneutral mit der Subjekt-Verb-Methode (z. B. „Geschwindigkeit reduzieren“).
  • Nicht voreilig auf Bauteile festlegen → sonst behindert man die Lösungsfindung.

Begriffe der Funktionssynthese

  • Funktionsstruktur: Verknüpfung von Teilfunktionen zur Gesamtfunktion.
  • Teilfunktion: erfasst eine Teilaufgabe (Zerlegung reduziert Komplexität).
  • Hauptfunktion: dient unmittelbar der Gesamtfunktion.
  • Nebenfunktion: unterstützt die Hauptfunktion, dient nur mittelbar.

Warum zerlegen? Kleinere, lösbare Teilaufgaben; systematische Bearbeitung.

Kap. 3 – Morphologie & Bewertung

Physikalische Effekte

  • Funktionen werden durch physikalische Effekte realisiert (mechanisch, fluidmech., elektr./magn., optisch).
  • Eine Funktion kann durch verschiedene Effekte realisiert werden.
  • Effekt + Wirkflächen + Werkstoff (Effektträger)Prinziplösung.
  • Elementarfunktionen: nicht weiter zerlegbare Bausteine (Übergang funktional → geometrisch, z. B. Koller-Katalog).

Morphologischer Kasten (Zwicky Box)

  • Teilfunktionen in Zeilen, Prinziplösungen daneben.
  • Nicht alle Kombinationen prüfen! → filtern, dann 3–5 Gesamtkonzepte auswählen.

Bewertungsmethoden

  • Dominanzmatrix: Grobvergleich. überlegen=1 / unterlegen=0, Spalten summieren.
  • Paarweiser Vergleich: wichtiger=3, gleich=2, unwichtiger=1 (oder 1/0,5/0). Ergibt Gewichtung.

Produktarchitektur

IntegralModular
Kopplung Funktion↔Komponentemehrdeutig, fest1 Funktion = 1 Modul, trennbar
VorteilePerformance, Bauraum, StückkostenFlexibilität, Skaleneffekte, Wartung
Nachteileschlecht änderbar, schwere FehlersucheSchnittstellenkosten, geringere Performance

Auf Bauteilebene: statt „modular“ eher „differential“.

Kap. 5 – Form- & Lagetoleranzen (ISO 1101)

Geometrische Toleranzen legen fest, wie stark die reale Geometrie von der Sollgeometrie abweichen darf. Vier Gruppen:

GruppeToleranzenBezug nötig?
FormGeradheit, Ebenheit, Rundheit, Zylindrizität, Linien-/FlächenprofilNein
RichtungParallelität, Rechtwinkligkeit, NeigungJa
OrtPosition, Koaxialität/Konzentrizität, Symmetrie, Flächenprofil m. BezugJa
LaufRundlauf, Gesamtrundlauf (rotierende Bauteile)Ja

Geometrieelemente

  • Integral: reale Oberfläche/Kante → Pfeil auf Konturlinie.
  • Abgeleitet: Achse, Mittellinie, Mittelebene → Pfeil an Maßlinie.

Toleranzzonen (merken!)

  • Geradheit Achse → Zylinder; Linie → 2 parallele Geraden
  • Ebenheit / Parallelität → 2 parallele Ebenen (Abstand t)
  • Rundheit → 2 konzentrische Kreise; Zylindrizität → 2 koaxiale Zylinder
  • Position Bohrung → Zylinder-Zone; Symmetrie → 2 parallele Ebenen

Theoretisch exakte Maße (TED)

Rechteckig eingerahmt, ohne Toleranz. Legen Sollposition/-winkel fest; die Abweichung steckt allein in der geometrischen Toleranz.

Kap. 6 – Bezugssysteme, Messen, Tolerierungsgrundsätze

Bezugssysteme (ISO 1101)

  • Bezug = ideales anliegendes Nachbarbauteil; Grundlage jeder Lagetoleranz.
  • Bezugselemente MÜSSEN formtoleriert werden!
  • Ziel: eindeutiges Messkoordinatensystem → alle 6 Freiheitsgrade beseitigen.
  • 3-2-1-Prinzip: Einstellfläche 3 Punkte, Führungsfläche 2, Stützfläche 1. (Prisma = doppelte Führung 2×2)

Material-Maße

MMS (max. Material)LMS (min. Material)
Bohrungkleinster ⌀größter ⌀
Wellegrößter ⌀kleinster ⌀

MMVS Bohrung = MMS − Toleranz   MMVS Welle = MMS + Toleranz

Taylor'scher Prüfgrundsatz

  • Gutseite = MMS, muss über gesamte Paarungslänge passen (Paarbarkeit).
  • Ausschussseite = LMS, Zweipunktmessung; darf an ≥1 Stelle nicht erfüllt sein.
  • Gilt nur für Maßmerkmale – Form/Lage per KMG prüfen.

Tolerierungsgrundsätze

  • Unabhängigkeitsprinzip: Maß-, Form- & Lagetoleranzen wirken unabhängig, jede voll ausnutzbar, getrennt geprüft (ISO-GPS-Standard).
  • Hüllprinzip: Maßtoleranz begrenzt gleichzeitig Maß- und Formabweichung; Element muss in idealer Hülle im MMS liegen.

Messmittel/-systeme

Messplatte (Granit/Guss), Messuhr (Spindel/Hebel), Prisma, Höhenmessgerät, Rundheitsmessgerät, 3D-Koordinatenmessgerät (KMG). Bezugstemperatur: 20 °C.

Kap. 7 – Schließmaßberechnung mit F+L-Toleranzen

Form-/Lagetoleranzen gehen wie eigenständige Maßkettenglieder ein. Da sie kein Nennmaß haben, wird ein „Nullmaß“ eingefügt.

Vorgehen (6 Schritte)

  1. Zählrichtung festlegen + Maßplan zeichnen (positiv = vergrößert Schließmaß)
  2. Tabelle der Maße erstellen
  3. Nennschließmaß: N₀ = ΣN₊ − ΣN₋
  4. Höchstschließmaß: Pₒ = ΣGo₊ − ΣGu₋
  5. Mindestschließmaß: Pᵤ = ΣGu₊ − ΣGo₋
  6. Abmaße: Ta₁ = Pₒ − N₀   Ta₂ = Pᵤ − N₀

Eselsbrücke: bei positiven Maßen für Pₒ das obere, für Pᵤ das untere Grenzmaß einsetzen (bei negativen umgekehrt).

Beispiel-Kernaussage

Eine Parallelitätstoleranz t=0,2 wird als M₃ₚ = 0+0,2−0,2 eingeführt. Sie vergrößert den Toleranzbereich des Schließmaßes → das Bauteil kann im Grenzfall aus der Funktion fallen.

Allgemeintoleranzen: ISO 22081 & DIN 2769

  • ISO 22081: Konzept/Regeln für allgemeine geometrische Toleranzen (Flächenprofil), gibt keine Werte vor. Angabe nahe Schriftfeld. Bezugs- und individuell tolerierte Elemente ausgenommen.
  • DIN 2769: liefert tabellierte Toleranzwerte/-klassen dazu.

Kap. 8 – Vorgehensweisen im technischen Entwurf

Was ist ein Modul?

Erfüllt eine abgeschlossene Teilfunktion, hat klar definierte Schnittstellen (schwache externe Kopplung, starke interne).

Modultyp (Ulrich & Eppinger)BeschreibungBeispiel Akkuschrauber
Basismodulkonstant über alle VariantenGehäuse, Grundplatine
Varianzmodulwechselt je KonfigurationMotor, Getriebe
Peripheriemoduloptionales ZubehörLED, Staubauffänger

Modularisierungskriterien: funktionale Zusammengehörigkeit · geometrische Nähe · gleiche Änderungshäufigkeit · gemeinsame Schnittstellen · Lieferanten-/Organisationsstruktur.

Zwei Entwurfsstrategien

  • Inside-out: vom Wirkkern nach außen (Getriebe, Motoren – Funktion dominiert Form). Vorteil: funktionale Integrität. Nachteil: Schnittstellen spät.
  • Outside-in: von Bauraum/Schnittstellen nach innen (Karosserie, Consumer-Produkte). Vorteil: Integration/Montage gesichert. Nachteil: innere Funktionsträger eingeschränkt.

In der Praxis: iterativ kombiniert.

Merkmale vs. Eigenschaften

  • Merkmale = direkt festgelegt: Geometrie/Maße/Toleranzen, Werkstoff, Oberfläche, Anordnung. (CAD legt Merkmale fest)
  • Eigenschaften = ergeben sich: Funktion, Festigkeit, Gewicht, Wirkungsgrad, Kosten, Lebensdauer. (CAE prüft Eigenschaften)

CAE-Methoden: FEM (Festigkeit/Frequenzen), MKS (Dynamik), CFD (Strömung/Kühlung), Toleranzanalyse.

Kap. 9 – CAD-Modellaufbau & Wissen

Geometriemodelle

  • Drahtmodell: nur Kanten, keine geom. Integrität.
  • Flächenmodell: Flächen schattiert, wenig phys. Eigenschaften.
  • Volumenmodell: volle geom. Integrität, Kollision, Masse.

B-Rep vs. CSG

B-Rep (Boundary Representation)CSG (Constructive Solid Geometry)
Begrenzungsflächen + NormalenGrundkörper (Quader, Zylinder, Kegel, Kugel, Torus)
Prüfung: Euler-Poincaré V−E+F=2(S−R)+HVerknüpfung: ODER (∪), UND (∩), UND NICHT (−)
keine Historie, schlecht parametrisierbarBinärbaum, gut parametrisierbar, konsistent

Euler-Poincaré: V=Ecken, E=Kanten, F=Flächen, S=Oberflächen(Shells), R=Volumendurchbrüche(Rings), H=Flächendurchbrüche(Holes). Bei Zylindern verletzt → Ersatz-Prisma + „Smoothing Flag“.

Volumenerzeugung

  • Translation (Extrusion), Rotation, Trajektion (Sweep/Pfad), Ausformen (Loft/Skinning).

Parametrik & Constraints (VDI 2218)

  • Parameter: geometrisch / topologisch / physikalisch / technologisch; lokal vs. global.
  • Constraint: Beziehung zwischen Modellelementen.
  • Skizzenzustand: unterbestimmt (offene FG), vollständig bestimmt (eindeutig), überbestimmt (redundant/Konflikt).

Qualität von CAD-Modellen

Änderbarkeit (Steuerparameter, Sensitivitäten) · Performance (flache Abhängigkeiten, Features > Skizzen, Detaillierungsgrad) · Robustheit (keine Selbstschnitte, keine verlorenen Bezüge).

Modellierungstechniken

Assoziative Geometrie · Globalkoordinaten · mathematische Constraints (Gleichungen) · logische Constraints (iLogic) · Skelett-Technik (Geometrie-/Parameterskelett) · parametrische Modellfamilien (Familientabelle).

Bézier-Kurven (aus Notizen)

C(u)=Σ Bᵢ,ₙ(u)·Pᵢ mit Bernsteinpolynomen. Grad n = Anzahl Stützpunkte − 1. De-Casteljau-Algorithmus. Keine lokalen Änderungen, keine Geraden möglich; interpoliert Anfangs-/Endpunkt + -tangente.

Stücklisten & Getriebe (Notizen)

  • Stücklisten: Mengenübersicht · Baukasten · Struktur (mit Eltern/Kind-Beziehung).
  • Verbindungen: kraft-, form-, stoffschlüssig. Nieten = nicht lösbar.
  • Laufgrad: F = b·(n−1) − 2g₁ − g₂ (F=1 Zwanglauf, >1 zwanglos, <1 klemmt).

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